Montag, 26. Februar 2018
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Biofach: Strategie-Mix für nachhaltige Ernährung

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Interview mit Dr. Adrian Müller, Departement für Sozioökonomie FiBL

14.02.2018

Dass ökologischer Landbau einen wichtigen Beitrag zur Welternährung leisten kann, belegt eine neue Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL. Doch allein damit ist es nicht getan: Den Forschern zufolge ist ein Strategie-Mix notwendig, der etwa Vermeidung unnötiger Abfälle einbezieht.

 - Biolandbau verbessert die Bodenqualität: Böden unter konventioneller (links) und ökologischer Bewirtschaftung (rechts) nach heftigen Regenfällen im DOK-Langzeitsystemvergleich
© Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL
Biolandbau verbessert die Bodenqualität: Böden unter konventioneller (links) und ökologischer Bewirtschaftung (rechts) nach heftigen Regenfällen im DOK-Langzeitsystemvergleich

Herr Dr. Müller, die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf über neun Milliarden Menschen wächst. Gleichzeitig ändern sich die Ernährungsgewohnheiten, die zu größerem Ressourcenverbrauch führen. Welche Folgen könnte dies haben?
Wenn sich dies wirklich so bewahrheitet wie vorhergesagt, dann wird dies katastrophale Auswirkungen auf unsere Umwelt haben. Pestizidbelastung und Überdüngung würden weiter massiv zunehmen. Der Landverbrauch würde auch ansteigen, vor allem, wenn die Erträge nicht wie vorhergesagt ansteigen würden, was wegen der negative Auswirkungen des Klimawandels sehr wahrscheinlich ist. Es wird auch eine große Herausforderung sein, genügend Wasser zur Verfügung zu haben, um diese Mengen zu produzieren, nicht zuletzt wegen des Klimawandels.

In einer neuen Studie haben Sie untersucht, wie die Umstellung auf biologischen Landbau zu einem nachhaltigen Ernährungssystem beitragen kann. Wie ist Ihr Befund?
So wie wir jetzt produzieren und konsumieren, können wir nicht über neun Milliarden Menschen in 2050 nachhaltig ernähren: Nährstoffüberschüsse und Pestizide wären wie gesagt zwei der größten Probleme. Aber die vorhergesagten Mengen einfach mit biologischem Landbau bereitzustellen wäre auch keine umfassend nachhaltige Lösung. Die Nährstoff- und Pestizidproblematik wäre dann zwar entspannt, aber der Landverbrauch wäre viel höher. Diese Zielkonflikte lassen sich nicht vermeiden, aber entschärfen: wenn wir den biologischen Landbau in Kombination mit weiteren Strategien umsetzen, dann kann er eine zentrale Rolle in nachhaltigen Ernährungssystemen spielen.

 - Dr. Adrian Müller, Departement für Sozioökonomie FiBL
© Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL
Dr. Adrian Müller, Departement für Sozioökonomie FiBL

Warum sind mehrere Strategien für ein nachhaltiges Ernährungssystem notwendig?
Um die angesprochenen Zielkonflikte zu entschärfen, müssen eben mehrere Strategien zugleich verfolgt werden. Nur so können wir die Vorteile des biologischen Landbaus nutzen und zugleich verhindern, dass der Landverbrauch massiv ansteigt. Der Schlüssel liegt darin, das Ernährungssystem als Ganzes „kleiner“ zu machen, ohne die Ernährungssicherung zu beeinträchtigen. Dies erreicht man mit der Vermeidung unnötiger Abfälle und Verluste und mit der Reduktion von Kraftfutter in der Tierhaltung, mit dann entsprechend reduzierter Produktion tierischer Produkte.

Welche Effekte hätten diese Szenarien für die Umwelt – etwa mit Blick auf Treibhausgasemissionen, Überdüngung und Pestizidverbrauch?
Weil wir dann flächendeckend biologisch produzieren würden, würden die Überdüngung und Pestizidbelastung stark abnehmen. Die Treibhausgasemissionen würden auch sinken, vor allem, weil wir viel weniger Stickstoff im System hätten und weil die Tierzahlen massiv reduziert würden. Selbst der Landverbrauch würde sinken, da die Produktion wegen der reduzierten Abfälle und Verluste und dem Verzicht auf Kraftfutter sehr viel kleiner würde, und die tieferen Erträge im biologischen Landbau nicht so tief sind, dass sie diese Verbesserungen im Landverbrauch wieder zunichtemachen würden. Es wird dann oft gefragt, ob nicht eine konventionelle Produktion in Kombination mit Abfallvermeidung und Kraftfutterverzicht noch besser wäre; bezüglich Landverbrauch wäre dies so, aber bezüglich Pestizidbelastung und Überdüngung nicht. Deshalb braucht es den biologischen Landbau in einem solchen System. Es geht darum, eine Kombina­tion von Strategien zu finden, die anhand einer Reihe von Indikatoren überall gut dasteht – für jeden einzelnen Indikator gibt es dann vielleicht eine Strategie, die bezüglich dieses Indikators besser wäre – aber die wäre dann schlechter bei den anderen Indikatoren. Diese Zielkonflikte lassen sich nicht vermeiden – aber mit geeigneten Strategien lassen sie sich soweit entschärfen, dass ein nachhaltiges Ernährungssystem möglich wird.

FiBL, das Forschungsinstitut für biologischen Landbau, präsentiert sich auf der Biofach in Halle 1 / 1-553. Welche Schwerpunkte setzen Sie in Nürnberg?
Das FiBL ist mit seiner ganzen Themenbreite an der Biofach präsent. Schwerpunkte werden natürlich über einzelne Veranstaltungen gesetzt, wie zum Beispiel zur globalen Biostatistik („World of Organics 2017“, zu Full Cost Accounting – ein Beitrag in der Veranstaltung der IFOAM dazu), zur Welternährung und Bio (die Veranstaltung zu diesem Nature Communications Paper), und viele andere mehr. Detaillierte Informationen finden Sie unter biofach.fibl.org.