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iFood Conference: IT-Lösungen für Lebensmitteltechnik

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07.10.2017

Digitalisierung als Chance für die ganze Branche: „Blockchains, Metagenomik und die Sequenzierung der gesamten Wertschöpfungskette werden die Lebensmittelproduktion schon bald vor bislang ungekannte Möglichkeiten stellen“, meint DIL-Institutsleiter Dr.-Ing. Volker Heinz im Gespräch mit DIE MESSE.

 - Dr.-Ing. Volker Heinz, Institutsleitung, Deutsches Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL)
© DIL
Dr.-Ing. Volker Heinz, Institutsleitung, Deutsches Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL)

Herr Dr. Heinz, das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) veranstaltet am 9. Oktober die Innovation Food Conference, die auf der Anuga zum zweiten Mal stattfindet. Was ist das Ziel der Dialogplattform?
Das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik steht für Lösungen aus der Forschung, die den praktischen Herausforderungen der Lebensmittelproduktion gerecht werden und dazu beitragen, unser globales Lebensmittelsystem kontinuierlich zu verbessern. Das Ziel unserer Veranstaltung auf der Anuga ist die Förderung des Dialoges über disziplinäre und nationale Grenzen hinweg. Im Austausch mit führenden Experten aus Forschung, Industrie und Handel möchten wir Ansätze zur Entwicklung von effizienten Wertschöpfungsketten, die nachhaltige und attraktive Produkte hervorbringen, erarbeiten und neue Perspektiven aufzeigen.

„Digitalismus – Produk­tion, Verbrauch, Vertrieb“ ist ein weiterer Themenblock. Welche Chancen, aber auch welche Risiken birgt die Digitalisierung für die Ernährungswirtschaft?
Es gibt viele Beispiele für vielversprechende Entwicklungen von IT-basierten Lösungen in der Lebensmittelwertschöpfung. Blockchains, Metagenomik und die Sequenzierung der gesamten Wertschöpfungskette werden die Lebensmittelproduktion schon bald vor bislang ungekannte Möglichkeiten stellen – Kontaminationen können durch Big Data Management genauestens prognostiziert und somit noch effektiver vermieden werden; und per App erfahren Verbraucher bereits im Supermarkt, welche Ressourcen für ihren Warenkorb eingesetzt wurden. Die Digitalisierung birgt auch ein hohes Potenzial für die wirtschaftliche und logistische Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette. Durch die Digitalisierung der Geschäfts- und Handelsprozesse können absatzbedingte Zielkonflikte reduziert und die Effizienz des gesamten globalen Food Systems gesteigert werden. Des Weiteren birgt die fortschreitende Automatisierung in der Lebensmittelproduk­tion hohe Potenziale mit Blick auf die Losgröße 1.
Wir haben in Deutschland eine starke Industrie. Die Ernährungswirtschaft schafft es, neue attraktive und nachhaltige Produkte zu entwickeln und Bestehende immer weiter zu verbessern. Für die hiesige Wirtschaft ist es von großer Bedeutung, die vorhandene Innova­tionskraft auch auf die fortschreitende Digitalisierung zu stützen. Die Herausforderung besteht darin, neue disruptive Entwicklungen, deren Potenziale frühzeitig zur erkennen und sie flächendeckend in der Branche zu etablieren. Dies beinhaltet zum Beispiel ein dynamisches Aus- und Weiterbildungsangebot für die Fachkräfte in den Unternehmen.

Unter dem Schlagwort „Sustology“ diskutieren die Experten zudem Konzepte für Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln. Warum ist dies von großer Bedeutung für die Branche?
Die Erzeugung von Lebensmitteln vollzieht sich in Wertschöpfungsketten, entlang denen Rohstoffe unter Verwendung von Energie umgewandelt und transportiert werden. Der Aufwand an Rohstoffen und Energie aber auch der Nutzen der entstehenden Produkte ist sehr vielfältig und durch zahlreichen Verknüpfungen, gegenseitige Beeinflussungen und Rückkopplungen sehr komplex. Das Lebensmittelsystem als Ganzes ist ein Teil des Ökosystems der Erde. Als vor 10.000 Jahren mit der Landwirtschaft begonnen wurde, war die Tätigkeit des Menschen, über die gezielte Produktion von Getreide und tierischen Produkten seine Nährstoffversorgung sicherzustellen, im Vergleich zur Gesamtbiomasseproduktion des Planeten noch nicht spürbar. Heute stellt sich das gesamte Lebensmittelsystem als ein zweischneidiges Schwert dar, das über gigantische Produktivitätssteigerungen in der Lage ist, 7,5 Milliarden Menschen zu ernähren, sich andererseits aber über die Ausweitung der Kultivierungsfläche und die Zunahme an problematischen Emissionen wie CO2 oder Stickstoff an der Beschädigung unseres globalen Ökosystems beteiligt.
Lösungen sind nicht schnell bei der Hand, da Eingriffe an einer Stelle oft schwer abschätzbare Konsequenzen an anderen Stellen haben können. Die system­orientierte Denkweise fordert, das globale System in Untereinheiten zu organisieren, deren Verhalten quantitativ zu beschreiben ist. Um dieser Komplexität entsprechend gegenüber zu treten, haben wir auf der iFood Conference Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen an einen Tisch geholt.

Zudem stehen „Innovationsprogramme – Nutzen des Wissensdreiecks“ auf der Agenda. Was ist darunter konkret zu verstehen?
Strukturierte Förderprogramme unterstützen die Integration von Wissen und steigern die Innovationsfähigkeit in geografischen Gebieten und Regionen. Klar definierte gemeinsame Ziele eines Netzwerkes von Partnerorganisationen erleichtern die Organisation strategischer Aktivitäten und führen zu konkreten Ergebnissen. Dadurch, dass eine ausgezeichnete Partnerschaft zwischen führenden Hochschuleinrichtungen, Forschungsorganisationen und Unternehmen sowie regionalen politischen Entscheidungsträgern und öffentlichen Einrichtungen initiiert wird, können Innovationsprogramme die regionale Innovationsfähigkeit verbessern und ihren Impact verstärken.
Neue Erkenntnisse und gute neue Vorgehensweisen können erfolgreich auf eine Vielzahl von Umgebungen und Branchen übertragen werden. Auf der iFood Conference 2017 werden Referenten ihr Wissen über das Grundprinzip von Innovationsprogrammen sowie ihre Erfahrungen mit der erfolgreichen Aufstellung eines Programms teilen. Darüber hinaus wird diskutiert, wie Organisationen und Unternehmen sich an diesen immer relevanteren Kooperationsmodellenbeteiligen können.